Was als nachhaltig gilt, ist keineswegs in Stein gemeißelt. Das zeigt ein Vergleich der Zusammensetzung nachhaltiger Fonds über einen Zeitraum von knapp vier Jahren besonders deutlich. Eine Langzeitanalyse auf Basis von Nachhaltigkeitsdaten aus September 2022 und Juni 2026 macht sichtbar, wie stark sich die Schwerpunkte innerhalb des nachhaltigen Investmentmarktes verschoben haben. Während bestimmte kontroverse Geschäftsfelder heute deutlich seltener in entsprechenden Fonds vertreten sind, haben andere Bereiche an Bedeutung gewonnen. Besonders auffällig ist der Rückgang von Investments mit Bezug zu Fracking und Gentechnik. Beide Themen galten schon vor einigen Jahren als problematisch, weil sie mit erheblichen ökologischen, gesellschaftlichen oder ethischen Fragen verbunden sind. Dass nachhaltige Fonds solche Unternehmen heute häufiger meiden, deutet darauf hin, dass die Auswahlkriterien in diesen Bereichen strenger geworden sind und sich die Erwartungen von Anlegern sowie Fondsanbietern verändert haben.
Gleichzeitig zeigt die Entwicklung, dass Nachhaltigkeit nicht einfach mit einem immer stärkeren Ausschluss kontroverser Branchen gleichgesetzt werden kann. Besonders deutlich wird das beim Thema Rüstung. Im Vergleich zu 2022 weisen im Jahr 2026 erheblich mehr nachhaltige Fonds Investments mit Rüstungsbezug auf. Damit hat sich die Zusammensetzung in einem Bereich verändert, der lange Zeit für viele Anleger zu den klassischen Ausschlusskriterien nachhaltiger Geldanlage gehörte. Noch vor wenigen Jahren galt die Beteiligung an Unternehmen, die Waffen, militärische Ausrüstung oder entsprechende Technologien herstellen, für zahlreiche Nachhaltigkeitsstrategien als kaum vereinbar mit ethisch orientiertem Investieren. Heute wird diese Grenze offenbar deutlich häufiger anders gezogen. Damit verschiebt sich auch die Frage, welche Unternehmen überhaupt noch unter den Begriff einer nachhaltigen Geldanlage fallen können.
Für diese Veränderung gibt es nachvollziehbare Gründe. Die sicherheitspolitische Lage in Europa und anderen Teilen der Welt hat sich seit 2022 erheblich verändert. Verteidigung und militärische Handlungsfähigkeit werden zunehmend nicht nur als nationale Aufgabe, sondern auch als Voraussetzung für politische Stabilität und den Schutz demokratischer Gesellschaften betrachtet. Dadurch hat sich auch die öffentliche und wirtschaftliche Bewertung der Rüstungsindustrie verschoben. Fondsanbieter stehen deshalb vor der Frage, ob Unternehmen aus dem Verteidigungsbereich grundsätzlich ausgeschlossen werden sollten oder ob bestimmte Tätigkeiten mit einem modernen Nachhaltigkeitsverständnis vereinbar sein können. Dabei spielt auch die Unterscheidung zwischen kontroversen Waffen und konventioneller Verteidigungstechnik eine Rolle. Ein Fonds kann beispielsweise Hersteller geächteter Waffen ausschließen und gleichzeitig in Unternehmen investieren, die Kommunikationssysteme, Schutztechnik, Fahrzeuge oder andere militärisch nutzbare Produkte herstellen.
Die Langzeitanalyse zeigt damit vor allem eines: Nachhaltigkeit ist auch auf dem Finanzmarkt ein Begriff, dessen konkrete Bedeutung sich mit gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen verändert. Anleger sollten deshalb nicht davon ausgehen, dass ein Fonds allein aufgrund seiner Bezeichnung dauerhaft denselben ethischen oder ökologischen Kriterien folgt. Ein nachhaltiger Fonds des Jahres 2026 kann sich in wichtigen Punkten deutlich von einem vergleichbaren Produkt aus dem Jahr 2022 unterscheiden. Wer bestimmte Branchen oder Geschäftsfelder konsequent vermeiden möchte, muss deshalb genauer hinschauen und die tatsächlichen Beteiligungen sowie die jeweiligen Ausschlussregeln prüfen. Die Entwicklung bei Fracking, Gentechnik und Rüstung macht deutlich, dass nachhaltiges Investieren längst nicht nur eine Frage klarer Verbote ist. Vielmehr wird zunehmend darüber verhandelt, welche wirtschaftlichen Aktivitäten unter veränderten gesellschaftlichen Bedingungen als vertretbar, notwendig oder sogar nachhaltig angesehen werden können.









