Seit Mai 2025 hat sich für Fondsanbieter in Europa spürbar etwas verändert: Wer seinen Fonds mit klangvollen Bezeichnungen wie ESG, Nachhaltig oder Green schmückt, steht nun in der Pflicht. Mindestens 80 Prozent des Fondsvermögens müssen tatsächlich in nachhaltige Anlagen investiert werden. Was früher oft eine Frage der Interpretation und des Marketings war, ist jetzt an klare, verbindliche Vorgaben geknüpft. Damit wird ein Missstand adressiert, der sich über Jahre aufgebaut hat: Viele Produkte warben mit einem „grünen“ Image, ohne dass die dahinterliegenden Investments diesem Anspruch in ausreichendem Maß gerecht wurden. Anleger, die guten Gewissens investieren wollten, mussten sich durch ein Dickicht aus Begriffsakrobatik und Werbeversprechen kämpfen.
Die neue Leitlinie der Europäischen Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde ESMA zielt genau auf dieses Problem. Sie soll dafür sorgen, dass das, was auf dem Etikett steht, auch im Produkt steckt. Fondsanbieter müssen nun prüfbar darlegen können, dass der überwiegende Teil des Portfolios Nachhaltigkeitskriterien erfüllt. Das bedeutet mehr Dokumentationsaufwand, strengere Auswahlprozesse und eine sauberere interne Kontrolle. Früher reichte es oft, ein paar „grüne“ Positionen beizumischen und das Ganze dann als nachhaltiges Produkt zu vermarkten. Diese Zeiten laufen ab. Wer weiterhin mit ESG und ähnlichen Schlagwörtern arbeiten will, muss sich an belastbaren Kennzahlen messen lassen und genauer erklären, nach welchen Kriterien Anlagen als nachhaltig eingestuft werden.
Für Anleger bringt das eine neue Qualität der Transparenz. Zwar ist es auch jetzt noch notwendig, Prospekte zu lesen und genauer hinzuschauen – das war schon immer so und wird sich auch nicht ändern –, aber der Boden, auf dem man steht, ist fester geworden. Die 80-Prozent-Regel schafft einen Mindeststandard, an dem sich alle Produkte mit entsprechenden Bezeichnungen messen lassen müssen. Das erleichtert den Vergleich und reduziert das Risiko, auf reines Greenwashing hereinzufallen. Besonders für Sparer, die nicht täglich die Märkte verfolgen, sondern langfristig Vermögen aufbauen wollen, ist das ein Schritt zurück zu mehr Verlässlichkeit: Man soll sich wieder eher darauf verlassen können, dass Begriffe eine Substanz haben und nicht nur dem Zeitgeist hinterherlaufen.
Gleichzeitig bedeutet diese Entwicklung auch eine Rückbesinnung auf eine Tugend, die in der Finanzwelt früher stärker galt: Ehrlichkeit im Produktversprechen. Früher wusste man, was man kaufte: Ein Rentenfonds war ein Rentenfonds, ein Aktienfonds ein Aktienfonds. Mit der ESG-Welle wurde vieles unübersichtlicher, weil Marketing und Modebegriffe die Substanz überdeckten. Die neuen ESMA-Leitlinien ziehen hier eine Grenze und erinnern die Branche daran, dass Vertrauen das wichtigste Kapital ist. Wenn ein Fonds nachhaltig heißt, dann soll er im Kern auch nachhaltig sein – nicht nur in der Broschüre. Damit knüpft die Regulierung an ein traditionelles Verständnis von Verlässlichkeit an, das im Grunde selbstverständlich sein sollte, aber neu eingefordert werden musste.









